Sie krabbeln einem über die Füße, werden von Einheimischen mit den besten Speisen verwöhnt und machen den Tempelboden, den Besucher nur ohne Schuhe betreten dürfen, ganz klebrig: die rund 20.000 Ratten, die im Karni-Mata-Tempel in Indien leben. Da sie wie Heilige angebetet werden, sind sie extrem zahm gegenüber Menschen. An keinem anderen Ort der Erde hat man so nahen Kontakt zu Ratten, wie im Innern dieser Tempelanlage.

Ich konnte es zum Teil kaum fassen, welche Szenen sich abspielten im „Tempel der heiligen Ratten“ in der kleinen Stadt Deshnok im indischen Rajasthan, etwa 30 Kilometer südlich von Bikaner in der Nähe der pakistanischen Grenze. Als ich die Tempelanlage durch den großen Torbogen betrat, erfüllte mich zunächst ein einziges Gefühl, ein furchtbarer Ekel. Egal wo ich hinsah, überall Ratten. Noch schlimmer empfand ich allerdings, dass der Boden der gesamten Anlage klebrig war und ich das Gefühl hatte, dass ich permanent mit meinen nackten Füßen auf Rattenkot umherwanderte. Wie alle Tempelanlagen in Indien darf man auch diesen nur mit nackten Füßen betreten. Was ich nicht wusste war, dass im Karin-Mata-Tempel für Touristen eine Ausnahme gemacht wird. Nicht-Inder dürfen die Anlage mit Socken betreten. Für mich kam diese Information leider zu spät.

Speisen zu essen, die zuvor von den Ratten angeknabbert wurden, bringt Segen – davon sind die gläubigen Besucher überzeugt. Ich konnte im Innern beobachten, wie Inder den Ratten Essen anboten und anschließend selbst das Essen in den Mund nahmen. Eine indische Frau erzählte mir, dass Milch zu trinken, die davor von Ratten angeschlabbert wurde als heilbringend empfunden wird. Jede Berührung mit den heiligen Ratten soll Glück bringen. Besonderen Segen bringt allein schon das Erblicken einer weißen Ratte. Zwischen den Ratten soll es auch vier Albino-Ratten geben. Ich habe zunächst überhaupt nicht verstanden, was die Menschen machen, als sie auf dem Boden lagen und  so den Eindruck machten, dass sie etwas suchten. Sie alle waren auf der Suche nach den weißen, heiligen Ratten.

Nach dem Tempelbesuch gab es für mich eine zentrale Frage: Warum sind die Menschen in Indien  so verrückt, einen Tempel zu bauen, in welchem 20.000 Ratten beherbergt und verehrt werden?

Die Antwort liegt natürlich in ihrem Glauben.  Die Wiedergeburt ist im Hinduismus zentral – deine verstorbene Großmutter kann als eine der Ratten im Karni-Mata-Tempel wiedergeboren worden sein. Die Entstehung des Tempels selbst basiert auf einer speziellen Legende. Karni Mata war eine Frau, die im 15. Jh. gelebt haben soll. Bereits zu Lebzeiten wurde sie als heilige Person verehrt. Eines Tages brachte eine Fürstenfamilie ihren verstorbenen Sohn zu ihr, in der Hoffnung, sie könnte ihn wieder lebendig machen. Wie in Trance betete sie lange Zeit verzweifelt zum Totengott Yama, dass er ihr die Seele des Kindes gebe. Doch Yama blieb hart, wer einmal in sein Reich gekommen sei, könne im gleichen Körper nicht wieder auf der Erde wandeln. Darüber hinaus sei die Seele bereits in einem anderen Körper wiedergeboren. In Zukunft solle niemand mehr das Totenreich Yamas betreten, denn jeder der in Deshnok stirbt, wird als Ratte wieder geboren. Wer aber als Ratte stirbt, wird als Charan, als Sänger bzw. Musiker, weiterleben.

Written by Reisen macht froh