Chiva – Lehmstadt, Minarette und ein bisschen wie aus einer anderen Zeit

Chiva war die letzte große Station unserer Reise durch Usbekistan. Nach Taschkent, Samarkand und Buchara dachte ich ehrlich gesagt, dass uns wahrscheinlich nicht mehr allzu viel überraschen würde. Noch mehr Medresen, noch mehr blaue Kuppeln, noch mehr Geschichte.
Und dann kamen wir nach Chiva.
Die Altstadt Itchan Kala ist komplett von einer mächtigen Lehmziegelmauer umgeben und seit 1990 UNESCO-Welterbe. Sie ist gerade einmal etwa 26 Hektar groß, voll mit Moscheen, Medresen, Palästen und Minaretten – und trotzdem wirkt Chiva völlig anders als Samarkand und Buchara. Vielleicht liegt es daran, dass hier alles so dicht beieinandersteht. Man läuft durch eines der Stadttore und ist sofort mittendrin.

Itchan Kala – eigentlich ist die ganze Altstadt die Sehenswürdigkeit
In Chiva muss man keinen komplizierten Tagesplan machen. Die historische Altstadt ist so kompakt, dass man einfach loslaufen kann. Und genau das würde ich auch empfehlen.
Man geht durch schmale Gassen, vorbei an Lehmhäusern, Medresen und kleinen Innenhöfen. Immer wieder taucht irgendwo ein Minarett auf, dann eine Moschee, ein Souvenirladen oder ein kleines Café. Viele der wichtigsten Bauwerke liegen nur wenige Minuten voneinander entfernt.

Itchan Kala war früher eine wichtige Station für Karawanen auf dem Weg durch Zentralasien und Richtung Persien. Heute stehen innerhalb der Stadtmauern noch Dutzende historische Bauwerke und traditionelle Wohnhäuser. Natürlich ist vieles touristisch. Sehr touristisch sogar. Aber trotzdem funktioniert Chiva.
Vor allem morgens und am Abend, wenn weniger Tagesbesucher unterwegs sind, bekommt die Stadt noch einmal eine ganz andere Atmosphäre.
Kalta Minor – das Minarett, das nie fertig wurde
Das Kalta Minor kann man eigentlich gar nicht übersehen.

Dieses breite, komplett mit türkisfarbenen Fliesen verkleidete Minarett steht direkt in der Altstadt und ist wahrscheinlich das bekannteste Fotomotiv Chivas. Gebaut wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts. Eigentlich sollte es einmal deutlich höher werden, fertiggestellt wurde es allerdings nie. Heute ist es nur etwa 26 Meter hoch und wirkt dadurch ein bisschen ungewöhnlich – fast zu breit für seine Höhe.

Gerade deshalb hat es mir gefallen. Zwischen all den schlanken Minaretten in Usbekistan steht da plötzlich dieses massive, blaue Ding. Man läuft sowieso ständig daran vorbei und je nach Licht sieht es jedes Mal ein bisschen anders aus.

Kunya Ark – die alte Festung
Direkt gegenüber liegt die Kunya Ark, die ehemalige Festung der Khane von Chiva.
Hinter den Mauern lagen früher unter anderem Empfangsräume, Verwaltungsbereiche und Wohnräume. Heute kann man durch verschiedene Höfe und Gebäude laufen und bekommt zumindest eine Vorstellung davon, wie hier einmal gelebt und regiert wurde. Besonders schön ist der Blick von den höheren Bereichen der Festung über die Dächer von Chiva.

Von hier aus merkt man erst richtig, wie dicht die Altstadt bebaut ist. Überall Lehmhäuser, Kuppeln und Minarette – dahinter beginnt ziemlich schnell die flache Landschaft. Wenn man nur einen Aussichtspunkt in Chiva besuchen möchte, würde ich mir diesen auf jeden Fall anschauen.
Juma-Moschee – ganz anders als erwartet
Von außen wirkt sie eher unscheinbar. Innen steht man plötzlich in einem riesigen, dunklen Raum voller Holzsäulen. Rund 200 geschnitzte Säulen tragen die Decke, einige davon stammen aus deutlich älteren Vorgängerbauten. Nach all den blauen Fliesen, Kuppeln und Ornamenten war das eine schöne Abwechslung. Die Atmosphäre ist ruhig, fast ein bisschen geheimnisvoll. Licht fällt nur durch wenige Öffnungen in den Raum und zwischen den Säulen entstehen immer wieder neue Perspektiven.

Islam-Khoja-Minarett
Das Islam-Khoja-Minarett ist mit rund 57 Metern das höchste Minarett Chivas und gehört ebenfalls zu den Bauwerken, die man schon von weitem sieht.

Das Minarett ist deutlich schlanker als Kalta Minor und wird nach oben immer schmaler. Verschiedene Bänder aus glasierten Ziegeln unterbrechen das sonst eher schlichte Mauerwerk. Wer möchte, kann über eine enge Wendeltreppe nach oben steigen. Von dort soll man einen großartigen Blick über die gesamte Altstadt haben.
Allein von unten fand ich das Minarett schon beeindruckend. Vor allem, weil es sich überall zwischen den Häusern wieder ins Blickfeld schiebt.
Pahlavon-Mahmud-Mausoleum
Das Pahlavon-Mahmud-Mausoleum fällt schon durch seine große türkisfarbene Kuppel auf.

Pahlavon Mahmud war Dichter, Handwerker und später eine Art Schutzheiliger Chivas. Rund um sein Grab entstand nach und nach eine größere Anlage, in der später auch mehrere Herrscher bestattet wurden. Innen ist fast jede Fläche dekoriert.

Blaue und türkisfarbene Fliesen, Muster, Ornamente – eigentlich wieder genau das, was man in Usbekistan schon oft gesehen hat. Trotzdem wirkt dieser Ort noch einmal anders, weil er bis heute religiöse Bedeutung hat.
Wir haben uns hier etwas länger aufgehalten und einfach zugeschaut, wie Menschen kamen, beteten und wieder gingen.
Einfach durch die Gassen laufen
Das Schönste an Chiva war für mich gar nicht unbedingt eine einzelne Sehenswürdigkeit.

Es war dieses ständige Herumlaufen. Die Altstadt ist klein genug, dass man irgendwann gar nicht mehr auf die Karte schaut. Man biegt einfach irgendwo ab, kommt durch einen Innenhof, läuft an kleinen Geschäften vorbei und landet fünf Minuten später wieder an einem Minarett.
Gerade am frühen Morgen fand ich Chiva besonders schön. Dann sind die Gassen noch relativ leer, die Händler bauen langsam ihre Stände auf und die Sonne färbt die Lehmmauern warm.


Am Abend passiert etwas Ähnliches. Viele Besucher sind verschwunden, Restaurants stellen ihre Tische nach draußen und die beleuchteten Gebäude wirken plötzlich fast wie eine Filmkulisse.
Ja, Chiva ist touristisch. Aber wenn man dort übernachtet und nicht nur für ein paar Stunden kommt, erlebt man die Stadt trotzdem noch einmal ganz anders.
Auf der Stadtmauer
Ein Teil der Stadtmauer kann ebenfalls begangen werden.

Von oben bekommt man noch einmal einen anderen Blick auf Itchan Kala. Besonders schön fand ich den Kontrast zwischen den massiven Lehmmauern und den blauen Kuppeln und Minaretten dahinter. Man braucht dafür nicht besonders viel Zeit, aber wenn das Wetter passt, würde ich den Spaziergang auf jeden Fall mitnehmen.


Am besten gegen späten Nachmittag, wenn das Licht weicher wird.
Wie viele Tage braucht man für Chiva?
Theoretisch kann man die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Chiva an einem Tag sehen.
Die Altstadt ist wirklich klein und die Wege sind kurz. Ich würde trotzdem mindestens zwei Nächte bleiben. Wir selbst waren drei Nächte dort und hatten das Gefühl, dass das gut war, da man dadurch sehr viel Zeit hat. Und genau das würde ich hier empfehlen.

Nicht versuchen, möglichst schnell alles abzuhaken. Chiva ist klein genug, um langsam zu reisen.
Chiva oder Buchara?
Chiva und Buchara kann man eigentlich schlecht miteinander vergleichen.

Buchara ist größer und fühlt sich mehr wie eine richtige Stadt an, in der historische Gebäude und normales Leben ineinander übergehen. Chiva dagegen wirkt viel geschlossener. Fast die komplette historische Stadt liegt innerhalb der Mauern und vieles sieht aus, als wäre die Zeit irgendwann stehen geblieben. Manchmal vielleicht sogar ein bisschen zu perfekt.
Trotzdem würde ich keine der beiden Städte auslassen. Buchara hat mir als Stadt wahrscheinlich etwas besser gefallen. Chiva war dafür das stärkere Gesamtbild.
Mein Eindruck von Chiva
Chiva ist wahrscheinlich die Stadt in Usbekistan, die am ehesten so aussieht, wie man sich eine alte Stadt an der Seidenstraße vorher vorstellt. Lehmmauern, Minarette, blaue Kuppeln, enge Gassen. Manchmal wirkt das fast ein bisschen wie eine Kulisse. Aber dann sitzt man am Abend irgendwo am Rand einer Gasse, Kinder fahren mit dem Fahrrad vorbei, jemand trägt Brot nach Hause und plötzlich ist es eben doch wieder eine ganz normale Stadt. Genau diese Momente mochte ich. Für mich war Chiva deshalb ein ziemlich perfekter Abschluss unserer Reise durch Usbekistan. Nicht riesig. Nicht hektisch.
Einfach zwei Tage lang durch eine alte Lehmstadt laufen, immer wieder irgendwo stehen bleiben und schauen.
Manchmal braucht es beim Reisen gar nicht mehr.
Schlafen, Essen und Pause machen
Übernachtet haben wir im Islam Khodja Guest House, mitten in der Altstadt von Chiva. Besonders gefallen hat uns die familiäre Atmosphäre. Man fühlt sich dort schnell willkommen und nicht wie in einem großen, anonymen Hotel. Für uns war das Islam Khodja Guest House deshalb eine sehr gute Wahl – vor allem wegen der zentralen Lage und der unkomplizierten, persönlichen Art.
Im Cafe Kheivak waren wir tagsüber immer wieder gerne. Man kann dort sehr schön draußen sitzen und findet vor allem angenehm viel Schatten – bei der Hitze in Chiva für uns ein echter Pluspunkt.
Das Sultan Restaurant hat uns vor allem wegen der Kombination aus leckerem Essen und der schönen Dachterrasse gefallen. Von dort hat man einen direkten Blick auf das Minarett – gerade am Abend wirklich richtig schön.
Das Arxi Terrasa liegt am Rand der Altstadt und hat uns ebenfalls sehr gut gefallen. Das Essen war richtig gut, aber besonders schön ist die Dachterrasse. Von dort hat man einen herrlichen Blick über die Dächer der Altstadt von Chiva. Gerade am Abend, wenn das Licht weicher wird, ist das ein richtig schöner Platz zum Sitzen. Für uns war es eine sehr gute Kombination aus gutem Essen und Aussicht – und definitiv ein Restaurant, das ich in Chiva empfehlen würde.
Von Buchara nach Chiva – Festungen, Wüste und ein See unterwegs
Die Strecke von Buchara nach Chiva ist ziemlich lang. Wir wollten daraus aber nicht einfach nur einen Transfer machen und haben die Fahrt deshalb mit einem Fahrer unternommen. Das war für uns die perfekte Lösung, weil wir unterwegs gleich mehrere Stopps einbauen konnten.
Wir haben auf der Strecke alle drei bekannten Festungen besucht: Toprak Kala, Kyzyl Kala und Ayaz Kala.

Den Anfang machte Toprak Kala. Schon von weitem sieht man die alten Lehmmauern in der ansonsten ziemlich kargen Landschaft. Vieles ist nur noch als Ruine erhalten, aber gerade dadurch wirkt der Ort sehr ursprünglich. Man läuft durch die Anlage, schaut über die Ebene und kann sich zumindest ein bisschen vorstellen, wie bedeutend dieser Ort einmal gewesen sein muss.

Danach ging es weiter zur Kyzyl Kala. Sie wirkt deutlich kompakter und restaurierter. Dadurch bekommt man noch einmal einen ganz anderen Eindruck davon, wie diese alten Festungen aufgebaut waren. Besonders spannend fand ich, dass die drei Anlagen trotz ihrer ähnlichen Bauweise jeweils eine ganz eigene Wirkung haben.

Am meisten beeindruckt hat mich Ayaz Kala. Die Festung liegt erhöht und der Blick über die Wüstenlandschaft ist wirklich großartig. Hier lohnt es sich, ein bisschen länger zu bleiben, durch die alten Mauern zu laufen und einfach die Weite zu genießen.

Zwischen den Festungen haben wir außerdem noch an einem See angehalten. Nach all dem Staub, den Lehmmauern und der trockenen Landschaft war das fast schon ein kleiner Bruch in der Strecke. Plötzlich Wasser, etwas Grün und eine ganz andere Stimmung. Genau solche ungeplanten oder kleineren Stopps machen für mich eine lange Fahrt oft erst richtig interessant.

Die Tour mit dem Fahrer war für uns wirklich angenehm. Wir mussten uns um nichts kümmern, konnten anhalten, wann wir wollten, und die lange Strecke fühlte sich dadurch überhaupt nicht wie ein reiner Fahrtag an.
Wenn man ohnehin von Buchara nach Chiva unterwegs ist, würde ich diese Variante jederzeit wieder wählen. Man sieht unterwegs viel mehr von der Region und macht aus einer langen Transferstrecke einen eigenen Reisetag.
Für mich war das genau die richtige Mischung: ein bisschen Geschichte, viel Landschaft, drei alte Festungen und dazwischen noch ein See. So macht selbst ein langer Fahrtag Spaß.
