Reisen mit Fahrer in Indien

Indien gehört für mich zu den Ländern, in denen die Art des Reisens einen enormen Unterschied macht. Ich war inzwischen mehrfach dort. In Kerala bin ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen – mit Bussen, Zügen und allem, was dazugehört. Später habe ich mich für eine andere Form entschieden: mit einem Fahrer durch Indien zu reisen. Und aus einem Fahrer ist inzwischen ein Freund geworden.

Beim ersten Mal war es vor allem praktisch

Wer Indien kennt, weiß, dass Entfernungen dort anders funktionieren als auf der Karte. 200 Kilometer können schnell viele Stunden bedeuten. Der Verkehr ist dicht, laut, manchmal chaotisch und für europäische Gewohnheiten ziemlich fordernd. Selbst fahren kam für mich deshalb nie ernsthaft infrage. Beim ersten Mal war ein Fahrer für mich vor allem eine praktische Lösung. Ich wollte individuell reisen, meine Route selbst bestimmen und gleichzeitig nicht jeden Transfer mit Bus und Bahn organisieren müssen. Also mietete ich ein Auto mit Fahrer. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich Jahre später bereits zum dritten Mal mit demselben Menschen unterwegs sein würde.

Aus einem Fahrer wurde ein Reisebegleiter

Wenn man mehrere Wochen gemeinsam im Auto verbringt, bleibt es irgendwann nicht bei „Guten Morgen“ und „Wie weit ist es noch?“. Man redet. Über Familie, über Arbeit, über Indien, über Deutschland, über Politik, Religion, Preise, Hochzeiten, Kinder und all die kleinen Dinge des Alltags. Und genau das hat meine Reisen verändert. Inzwischen ist er für mich nicht mehr einfach der Mann, der mich von Delhi nach Jaipur oder von Rajasthan weiter nach Varanasi fährt. Er ist jemand, auf den ich mich freue, wenn ich nach Indien komme. Ein Freund. Das klingt vielleicht ein wenig pathetisch. Aber wer tagelang gemeinsam unterwegs ist, versteht schnell, wie intensiv solche Begegnungen werden können.

Indien durch andere Augen sehen

Natürlich könnte ich dieselbe Route auch mit Zug und Bus zurücklegen. Aber mit einem Fahrer sehe ich Indien anders. Nicht besser, nicht authentischer, einfach anders. Man hält unterwegs in kleinen Orten, die in keinem Reiseführer stehen. Man fährt durch Dörfer, hält an einem Teestand oder isst dort, wo der Fahrer selbst gerne isst. Man erfährt, warum irgendwo eine Straße gesperrt ist, weshalb an diesem Tag so viele Menschen unterwegs sind oder was gerade in einem Dorf gefeiert wird. Viele dieser Dinge hätte ich allein überhaupt nicht verstanden. Ein Fahrer ist deshalb nicht nur jemand hinter dem Lenkrad. Er kann auch eine Art Übersetzer zwischen zwei Welten sein.

Und trotzdem bleibt man individuell unterwegs

Reisen mit Fahrer bedeutet für mich nicht, morgens in einen Reisebus zu steigen und einer festgelegten Route zu folgen. Im Gegenteil. Ich bestimme, wohin ich möchte. Wenn mir ein Ort gefällt, bleibe ich länger. Wenn mich etwas nicht interessiert, fahren wir weiter. Und wenn unterwegs plötzlich etwas Spannendes auftaucht, halten wir an. Diese Mischung mag ich sehr: die Freiheit eines Roadtrips, ohne selbst fahren zu müssen. Ich kann aus dem Fenster schauen, fotografieren, mich unterhalten oder einfach die Landschaft beobachten. Und in Indien gibt es aus dem Autofenster eigentlich ständig etwas zu sehen.

Kerala war ganz anders

Meine Reise durch Kerala habe ich dagegen weitgehend mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht. Und auch das möchte ich nicht missen. Im Bus oder Zug ist man unmittelbar mitten im indischen Alltag. Menschen steigen ein und aus, Taschen werden irgendwo verstaut, jemand teilt sein Essen, Verkäufer laufen durch den Zug. Man ist viel näher dran. Das Reisen ist dadurch manchmal anstrengender, aber auch intensiver. Gerade Kerala eignet sich aus meiner Sicht gut dafür. Viele Orte sind mit Bus und Bahn erreichbar, und man bekommt noch einmal einen ganz anderen Eindruck vom Land. Deshalb würde ich niemals sagen: Indien sollte man mit Fahrer bereisen. Dafür ist das Land viel zu groß und viel zu unterschiedlich.

Ist Reisen mit Fahrer Luxus?

Natürlich ist ein Auto mit Fahrer teurer als ein Busticket. Aber mit dem europäischen Verständnis von Chauffeur und Luxus hat das wenig zu tun. In Indien ist das eine ganz normale Form des individuellen Reisens. Fahrer arbeiten mit Reiseveranstaltern oder direkt mit Reisenden zusammen und begleiten Touren oft über viele Tage oder Wochen. Für zwei Personen kann das finanziell durchaus interessant sein – besonders wenn man bedenkt, dass man gleichzeitig Transport, Flexibilität und viel Zeit gewinnt. Für mich ist es vor allem Komfort. Und den gönne ich mir heute gerne. Nicht, weil ich möglichst luxuriös reisen möchte, sondern weil ich meine Energie lieber für die Orte und Menschen aufspare als für die Frage, wie ich morgen um sechs Uhr morgens zum nächsten Busbahnhof komme.

Der wichtigste Unterschied ist Vertrauen

Beim ersten Mal steigt man zu einem fremden Menschen ins Auto. Man weiß nicht genau, wie er fährt, ob er zuverlässig ist und ob die Chemie stimmt. Heute ist das für mich anders. Wenn ich nach Indien komme, weiß ich, wer mich erwartet. Ich kenne seine Familie. Er kennt inzwischen einiges aus meinem Leben. Wir haben gemeinsam lange Tage auf indischen Straßen verbracht, im Stau gestanden, Tee getrunken, diskutiert und gelacht. Das verändert eine Reise. Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb ich immer wieder gerne nach Indien zurückkehre. Nicht nur wegen Rajasthan, Delhi oder Varanasi. Sondern auch wegen der Menschen, die dort inzwischen auf mich warten.