Backpacking mit über 50

Backpacking klingt für viele erst einmal nach Anfang zwanzig, Hostel-Schlafsaal, schwerem Rucksack und monatelangem Reisen mit möglichst wenig Geld. Genau dieses Bild hatte ich lange selbst im Kopf. Heute sehe ich das anders. Backpacking hat für mich wenig mit dem Alter zu tun. Es geht vielmehr um die Art zu reisen. Individuell, flexibel, mit leichtem Gepäck und ohne den Anspruch, dass schon vor der Abreise alles bis ins letzte Detail feststehen muss. Und ja: Das geht auch mit über 50. Vielleicht sogar besser als früher.

Backpacking sieht heute anders aus

Ich muss mit über 50 nicht mehr beweisen, dass ich mit 20 anderen Menschen in einem Schlafsaal übernachten kann. Ich brauche auch keinen 18-Kilo-Rucksack auf dem Rücken und muss nicht jeden Euro zweimal umdrehen. Für mich bedeutet Backpacking heute vor allem, beweglich zu bleiben. Ich reise mit überschaubarem Gepäck, buche kleine Hotels, Gästehäuser oder Apartments und entscheide manches erst unterwegs. Ich fahre mit Bus und Bahn, manchmal mit dem Taxi, manchmal mit einem Mietwagen. Genau diese Freiheit macht für mich den Reiz aus.

Komfort und Abenteuer schließen sich nicht aus

Früher dachte ich oft, eine Reise sei nur dann wirklich individuell, wenn sie möglichst einfach und unbequem ist. Heute weiß ich: Komfort macht eine Reise nicht weniger spannend. Im Gegenteil. Ich schlafe lieber in einem ordentlichen Zimmer als in einem Schlafsaal, dusche gerne warm und freue mich über ein gutes Frühstück. Das hindert mich aber nicht daran, morgens mit dem Rucksack zum Bahnhof zu laufen, spontan einen Bus zu nehmen oder den nächsten Ort erst am Vorabend zu buchen. Ich möchte Abenteuer, aber ich muss nicht mehr unbequem reisen, nur damit es sich nach Abenteuer anfühlt.

Mit über 50 reist man anders

Was sich verändert hat, ist vor allem mein Tempo. Ich möchte nicht mehr jeden zweiten Tag weiterziehen und möglichst viele Orte abhaken. Ich bleibe lieber länger. Zwei oder drei Nächte sind für mich oft das Minimum, manchmal auch deutlich mehr. Ich möchte morgens nicht schon wieder packen müssen, sondern einen Ort wirklich kennenlernen. Ein Café finden, noch einmal durch dieselbe Straße laufen, einen Markt besuchen oder einfach einen halben Tag nichts planen. Backpacking bedeutet für mich heute nicht mehr, möglichst weit zu kommen, sondern möglichst viel von einem Ort mitzunehmen. Mit zunehmenden Alter habe ich bemerkt, dass ich auf Reisen mehr mit den Menschen ins Gespräch komme.

Der Rucksack bleibt trotzdem

Auch wenn meine Art des Reisens komfortabler geworden ist, mag ich den Rucksack noch immer. Schon allein deshalb, weil er praktisch ist. Treppen, Bahnsteige, unebene Wege oder ein kurzer Fußweg zur Unterkunft sind damit deutlich einfacher als mit einem großen Koffer. Und irgendwie gehört er für mich auch dazu. Ein Rucksack gibt mir das Gefühl, unterwegs zu sein. Nicht angekommen für zwei Wochen an einem Ort, sondern auf Reise.

Allerdings ist mein Rucksack heute wahrscheinlich leichter als früher. Ich nehme weniger mit, denn mit zunehmender Reiseerfahrung merkt man ohnehin, dass man erstaunlich wenig braucht.

Man wird nicht zu alt für neue Erfahrungen

Was mich am Reisen immer wieder begeistert, sind Situationen, die nicht geplant waren. Ein Gespräch im Zug. Ein Bus, der an einem völlig anderen Ort hält als erwartet. Ein kleines Restaurant, das man zufällig entdeckt. Menschen, die einem weiterhelfen, obwohl man keine gemeinsame Sprache spricht. Für solche Erlebnisse ist man mit 20 nicht geeigneter als mit 50 oder 60.

Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.

Heute bin ich gelassener, wenn etwas nicht funktioniert. Ich weiß, dass fast immer irgendeine Lösung auftaucht. Ich muss nicht alles kontrollieren und gerate nicht gleich in Panik, wenn ein Plan nicht aufgeht. Diese Gelassenheit macht individuelles Reisen für mich heute oft angenehmer als früher.

Natürlich gibt es Grenzen

Ich möchte das Ganze aber auch nicht romantisieren. Mit über 50 merke ich durchaus, dass ich nicht mehr alles genauso machen möchte wie mit 25. Eine Nacht auf einem Flughafenboden klingt für mich inzwischen deutlich weniger attraktiv. Acht Stunden in einem überfüllten Minibus können anstrengend sein, und nach einem langen Reisetag bin ich froh, wenn ein ordentliches Bett wartet.

Aber das bedeutet nicht, dass Backpacking vorbei ist. Es bedeutet nur, dass ich meine Reise meinem heutigen Leben anpasse. Und genau das ist doch das Schöne am individuellen Reisen: Es gibt keine Regeln.

Backpacking ist keine Frage des Alters

Vielleicht sollten wir den Begriff überhaupt ein wenig weiter denken. Backpacking muss nicht heißen, drei Monate mit kleinstem Budget durch Südostasien zu reisen. Es kann auch eine dreiwöchige Reise sein, mit guten Unterkünften, Bahnfahrten, kleinen Hotels und einem Rucksack auf dem Rücken.

Entscheidend ist für mich die Haltung dahinter. Nicht alles vorgeben lassen. Selbst entscheiden. Offen bleiben. Unterwegs Pläne ändern können. Sich auf ein Land einlassen und auch einmal nicht genau wissen, was morgen passiert.

Das kann man mit 25. Und genauso mit 55.

Geht das noch?

Ja. Und wie. Nur vielleicht ein bisschen anders.

Ich brauche heute kein möglichst billiges Bett mehr, keinen Schlafsaal und keine Reise, die mich jeden Tag an meine Grenzen bringt. Ich möchte individuell unterwegs sein, nah an einem Land, flexibel und neugierig bleiben. Und solange ich morgens noch Lust darauf habe, meinen Rucksack zu packen und weiterzufahren, ist Backpacking für mich ganz sicher keine Frage des Alters.