Wie viel Abenteuer brauchen wir?

Früher hätte ich Abenteuer wahrscheinlich anders definiert als heute. Abenteuer bedeutete für mich, spontan unterwegs zu sein, wenig zu planen, einfache Unterkünfte zu nehmen und auch einmal nicht genau zu wissen, wo ich am Abend schlafen werde. Heute sehe ich das entspannter. Ich möchte immer noch Neues erleben und mich auf ein Land einlassen. Aber ich brauche nicht mehr ständig das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Abenteuer darf heute auch bequem sein.

Abenteuer muss nicht anstrengend sein

Ich glaube, lange Zeit hatte ich im Kopf, dass eine Reise umso spannender ist, je unbequemer sie ist. Schlafsack, Nachtbus, einfaches Zimmer, wenig Planung – das gehörte irgendwie dazu. Heute frage ich mich eher: Warum eigentlich? Eine gute Unterkunft, ein bequemes Bett oder ein ruhiger Reisetag machen eine Reise nicht weniger intensiv. Im Gegenteil. Wenn ich ausgeschlafen bin und mich wohlfühle, habe ich oft viel mehr von einem Ort. Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen ich merke, dass ich das Abenteuer noch immer suche. Vor ein paar Jahren bin ich durch den Dschungel von Sumatra gewandert. Abends lag ich auf einer harten Isomatte, ohne Decke, ohne Kopfkissen, mitten im Dschungel. Meine Tochter meinte damals zu mir: „Schon cool, dass du das jetzt noch machst. In ein paar Jahren wird dir so etwas wahrscheinlich zu anstrengend.“ Dieser Satz ist mir im Kopf geblieben. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht gibt es Dinge, die ich heute noch mache und irgendwann nicht mehr machen möchte. Aber genau deshalb finde ich es schön, sie jetzt noch zu erleben. Nicht, weil ich mir oder anderen etwas beweisen muss, sondern weil ich Lust darauf habe. Und solange das so ist, gehört auch diese Form von Abenteuer für mich zum Reisen dazu.

Komfort ist kein Gegensatz zu Individualität

Ich reise gerne individuell. Ich möchte meine Route selbst bestimmen, Orte auswählen, die mich interessieren, und unterwegs auch einmal etwas ändern können. Dafür brauche ich aber keinen Verzicht auf Komfort. Ein schönes Doppelzimmer, ein gutes Frühstück oder ein Taxi nach einem langen Reisetag passen für mich genauso zum Reisen wie eine Busfahrt, ein Marktbesuch oder eine Nacht auf einer Isomatte im Dschungel. Individuell reisen bedeutet für mich nicht, möglichst einfach zu reisen. Es bedeutet, selbst zu entscheiden, worauf ich Lust habe und was für diese Reise passt.

Ein bisschen Unsicherheit gehört dazu

Ganz ohne Abenteuer wäre mir eine Reise allerdings zu langweilig. Wenn alles bis ins kleinste Detail vorhersehbar ist, fehlt mir etwas. Ich mag es, wenn nicht jeder Tag komplett durchgetaktet ist. Wenn man unterwegs einen Ort entdeckt, den man eigentlich gar nicht eingeplant hatte. Wenn eine Verbindung anders funktioniert als gedacht oder man plötzlich mit Menschen ins Gespräch kommt, mit denen man nie gerechnet hätte. Genau diese kleinen Unsicherheiten machen Reisen für mich lebendig. Nicht alles muss perfekt organisiert sein. Manchmal sind es gerade die Dinge, die anders laufen als geplant, an die man sich später am besten erinnert.

Ich brauche keine Grenzerfahrungen

Was ich heute weniger brauche, sind Situationen, die nur deshalb besonders sein sollen, weil sie anstrengend oder riskant sind. Ich muss nicht nachts irgendwo stranden, um hinterher eine gute Geschichte erzählen zu können. Ich muss keine möglichst schwierige Route wählen, wenn es auch eine angenehmere gibt. Und ich muss auch nicht in einer Unterkunft bleiben, in der ich mich nicht wohlfühle, nur weil sie besonders günstig oder vermeintlich authentisch ist. Die Nacht im Dschungel von Sumatra war etwas anderes. Ich habe sie nicht gewählt, weil sie unbequem war. Die unbequeme Nacht gehörte einfach zu einem Erlebnis, das ich unbedingt machen wollte. Genau darin liegt für mich der Unterschied.

Heute ist es die Mischung

Ich mag inzwischen genau die Mischung aus Komfort und Abenteuer. Ein schönes Zimmer und am nächsten Tag eine lange Wanderung. Ein gutes Abendessen und wenige Stunden später ein früher Bus irgendwohin. Eine Reise, die gut geplant ist und trotzdem genügend Raum lässt, Dinge spontan zu verändern. Ich möchte mich wohlfühlen, aber ich möchte mich auch nicht in einer Komfortzone einschließen, in der alles berechenbar ist. Für mich liegt der Reiz genau dazwischen. Ich muss nicht jeden Tag ein Abenteuer erleben. Aber wenn eine Reise völlig ohne Überraschungen, Herausforderungen oder neue Erfahrungen auskommt, fehlt mir etwas.

Mit über 50 verändert sich vielleicht nur die Definition

Vielleicht braucht man mit über 50 gar nicht weniger Abenteuer. Vielleicht verändert sich einfach die Vorstellung davon, was Abenteuer bedeutet. Ich brauche keine Nächte im Schlafsaal mehr. Ich möchte meistens mein eigenes Zimmer. Ich muss auch nicht mehr möglichst billig reisen oder jeden Tag weiterziehen. Manche Dinge möchte ich heute ganz bewusst nicht mehr machen. Dazu gehören zum Beispiel Nachtfahrten mit dem Bus. Zum einen finde ich sie inzwischen einfach zu anstrengend. Nach einer Nacht im Bus komme ich heute nicht mehr morgens irgendwo an und starte frisch in den Tag. Zum anderen sind sie mir in manchen Ländern auch zu gefährlich geworden. Gerade nachts, auf schlechten Straßen oder bei langen Fahrzeiten, fühle ich mich damit nicht mehr wohl. Früher hätte ich darüber wahrscheinlich weniger nachgedacht. Heute entscheide ich mich lieber für eine Fahrt am Tag oder nehme eine zusätzliche Übernachtung in Kauf. Gleichzeitig möchte ich neugierig bleiben, neue Länder kennenlernen, mich auf andere Lebensweisen einlassen und immer wieder Dinge tun, bei denen ich vorher nicht genau weiß, wie sie ausgehen. Das kann eine Nacht im Dschungel sein. Es kann aber genauso gut eine Fahrt mit einem völlig überfüllten Bus, eine mehrtägige Wanderung oder die Entscheidung sein, eine Reise ganz anders zu machen als ursprünglich geplant.

Vielleicht wird manches irgendwann zu anstrengend

Der Satz meiner Tochter beschäftigt mich bis heute: „In ein paar Jahren wird dir so etwas wahrscheinlich zu anstrengend.“ Vielleicht wird es tatsächlich so sein. Irgendwann werde ich möglicherweise keine Lust mehr darauf haben, auf einer dünnen Isomatte zu schlafen oder stundenlang durch den Dschungel zu laufen. Vielleicht werde ich mich dann über ein bequemes Bett freuen und sagen: Gut, dass ich das damals gemacht habe. Das finde ich aber überhaupt nicht schlimm. Reisen verändert sich mit dem Leben. Ich muss nicht mit 70 genauso reisen wie mit 30 oder 50. Wichtig ist mir nur, nicht schon heute auf Dinge zu verzichten, nur weil ich sie vielleicht irgendwann nicht mehr machen kann.

Wie viel Abenteuer brauchen wir?

Wahrscheinlich genau so viel, dass wir uns lebendig fühlen – und gleichzeitig so viel Komfort, dass wir die Reise genießen können. Für mich liegt die beste Reise irgendwo dazwischen. Nicht Pauschalurlaub im abgeschlossenen Resort. Aber auch nicht jeden Tag die maximale Herausforderung. Ich möchte frei sein, neugierig bleiben und mich auf Neues einlassen. Gleichzeitig möchte ich gut schlafen, gut essen und zwischendurch auch einfach einmal nichts tun. Und manchmal darf es eben doch eine harte Isomatte ohne Kopfkissen und Decke mitten im Dschungel von Sumatra sein.

Vielleicht ist genau das für mich heute Abenteuer: nicht möglichst weit aus der Komfortzone herauszukommen, sondern sie immer wieder ein kleines Stück größer zu machen.